4 Jahre Bewegungsfördergruppe der Schule an der Strauchwiese

06.04.2021

Lutz Müller, Lehrer & Referent zum modernen Schulsport und Übungsleiter der Bewegungsfördergruppe (BFG), begleite das Programm BERLIN HAT TALENT (BHT) und hat von Beginn an auch Bewegungsfördergruppen eingefordert. Auch, weil er an seiner Schule eine solche Gruppe schon vor 2011 (Programmstart) hatte. Als Pendant zu BHT eine tolle Errungenschaft in der Berliner Sportlandschaft. Warum? Der Anteil der Kinder mit Bewegungsdefiziten im Schulsport wird immer größer – unabhängig von Corona. Diejenigen zu fördern, die nicht die begabten Sportler*innen sind, ihr individuelles Vorankommen zu unterstützen, Ängste abzubauen: all das sind Ziele der Arbeit mit den Kindern der BFG. Wenn sie dann motiviert sind, sich regelmäßig sportlich zu betätigen, ist das Ziel aus seiner Sicht erreicht.

Mit der regelmäßigen Testung der 3. Jahrgänge beginnend, ist nach mittlerweile 10 Jahren Programm und 4 Jahren Fördergruppe Zeit für einen Rückblick. Es wird eine Grundausstattung mit Sportgeräten zur Verfügung gestellt und wenn nötig, können Kurse genutzt werden, sich selbst für diese Arbeit fit zu machen. Schön und bemerkenswert ist auch, dass die Verantwortlichen immer ansprechbar sind, wenn das Material aufgefüllt werden muss.

Was geschieht in dieser Gruppe? Auch ergänzend zum Sportunterricht geht es zunächst darum, dass ein Klima geschaffen wird, wo sich alle ausprobieren können. Ohne Druck einer evtl. Bewertung. Alle Angebote sind hier freudbetont verpackt und dennoch gilt: Fördern und Fordern. Die Kinder können in dem geschützten Raum einer kleinen Gruppe ungestört versuchen, Defizite und eben Angst abzubauen und anschließend Freude bei der einen oder anderen Sportart zu entwickeln. Das kann beim Turnen ebenso passieren wie beim Basketball oder Sprungübungen über Hindernisse. Vielfältige Bewegungsanlässe sichern vielfältige Bewegungserfahrungen. Und jede*r spürt dann, was ihm oder ihr liegt.

Viele Kinder haben an solch einer Gruppe teilgenommen und für fast alle kann Herr Müller sagen, dass sie gut und sehr gut vorwärtskamen. Das war — vor allem mit dem Tempo des Vorankommens — so nicht zu erwarten. Natürlich gibt es auch Niederlagen wie in jedem Sport: Kinder und Eltern, die das Potenzial dieses kostenlosen Angebotes nicht annehmen, Adipositas nicht bekämpfen, sich dem Sport nicht öffnen, Ängste nicht abbauen können usw. Umso schöner ist es, denen zuzusehen, die schon nach wenigen Wochen selbstbewusster am Sportunterricht teilnehmen. DAS ist der Lohn der Arbeit!

Was bringt die Zukunft? Hoffentlich ausdauernde Unterstützung seitens der Verantwortlichen des LSB in Form der finanziellen Unterstützung sowie in der Praxis, vor allem durch das BHT-Team um Janine Gegusch. Hoffentlich auch mehr stabile Übungsleiter*innen, die das Angebot unterstützen und in der Folge mehr und mehr Kinder, die von diesem Programm profitieren. Wünschenswert wäre, wenn die Vereine sich auch dafür begeistern können, derartige Gruppen zu bilden, auch wenn hier wohl keine zukünftigen Meister dabei sein werden. Dafür aber sicher Kinder, die mit Freude und Stolz Judo, Bogenschießen oder anderen Sport ausüben. Auch das kann in Zukunft den Vereinen helfen, denn die pandemischen Erfahrungen werden auch die Sportlandschaft verändern.


Lutz Müller, Lehrer & Referent zum modernen Schulsport und Übungsleiter der BFG
© Jürgen Engler / LSB Berlin

Für Josi ist dabei sein alles


© Jürgen Engler / LSB Berlin

Es ist acht Uhr morgens in der Grundschule an der Strauchwiese. Die Sporthalle füllt sich langsam. Das Testteam erwartet wie gewohnt die Drittklässler/-innen der Schule und freut sich heute auf einen ganz besonderen Gast. Unter den wild umherlaufenden, tobenden Kindern sticht das Mädchen im Rollstuhl direkt heraus. „Hallo Josi. Schön, dass du heute dabei bist. Ich bin Marie“, stellt sich die Inklusions-Netzwerkerin vor. Sie ist eine von zwei neuen Mitarbeitern des Landessportbunds Berlin, die das Thema Inklusion im Programm BERLIN HAT TALENT voranbringen sollen.

Dann geht es auch schon los. Die Gruppen werden eingeteilt. In den kommenden 90 Minuten werden acht verschiedene Stationen absolviert, die die sportliche Leistungsfähigkeit der Mädchen und Jungen testen. Josi beginnt mit dem 20m Sprint und tritt gegen eine Mitschülerin an, die Fußgängerin ist. Schnell ist ihr anzumerken, dass die sportliche Betätigung für sie anstrengender ist als für die anderen Kinder.

Bisher treibt Josephine keinen regelmäßigen Sport. Ein Gen-Defekt in der Familie ist erst durch Josephines Muskeldystrophie zum Vorschein gekommen. Durch diese Muskelschwäche kann das 9-jährige Mädchen ihren Körper nicht auf den eigenen Beinen halten und ist seit Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen. Jede Beanspruchung der Muskeln ist unglaublich anstrengend für Josephine, da ihr durch den Defekt entsprechendes Eiweiß zum Muskelaufbau fehlt.

An der nächsten Teststation wird Josis Kraftausdauer getestet. Ihre Mitschüler/-innen absolvieren hier eine Form der Liegestütz. Für Josephine steht eine alternative Testaufgabe auf dem Plan, bei der sie im Rollstuhl sitzend mittels Armkraft ein Zugband von einer Sprossenwand wegdrücken muss. „Die Übung mit dem Band war ganz schön schwer“, stellt sie anschließend fest.Solche Bewegungsausführungen sind großes Neuland für Josephine. Die Muskeldystrophie ließ ihre Kindheit bisher eher bewegungsarm aussehen. Aber ihr Sportlehrer Lutz Müller berichtet uns: „Josi will gefordert werden“.

Umso wichtiger ist für Josephine die heutige Teilnahme am Deutschen Motorik-Test (DMT). Damit Kinder wie sie ebenfalls am Test teilnehmen und anschließende Bewegungsempfehlungen erhalten können, wurde BERLIN HAT TALENT weiterentwickelt und die Testung entsprechend angepasst. Für Kinder mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen gibt es seit dem Sommer 2020 nun zusätzliche alternative Testaufgaben, die es ihnen ermöglichen, jede Teststation zu durchlaufen und somit vollständig am DMT teilzunehmen. „Für solche Kinder wie Josephine ist alles gut, was sie nicht exkludiert“, sagt der Sportlehrer. Lutz Müller kennt und begleitet das Programm BERLIN HAT TALENT von Beginn an und befürwortet vor allem die Ausrichtung auf die Bewegungsförderung von motorisch schwachen Kindern. „Ich finde es gut, dass nicht nur der Spitzensport Beachtung findet und durch die Neuausrichtung des Programms wirklich alle Kinder gefördert werden.“

Der Testtag brachte für Josephine sehr viele neue Erfahrungen und Bewegungsmuster mit sich.So hat sie beispielsweise anstelle der Testaufgabe „Seitliches Hin- und Herspringen“ die alternative Testaufgabe „V-Roll“ durchgeführt. Hierbei müssen die Kinder im Rollstuhl in einer schnellen Bewegungsabfolge eine V-Form abfahren (siehe Grafik rechts). „Das hat ganz gut geklappt“, schlussfolgerte die Grundschülerin.

Das gesamte Programmteam hofft, dass Kinder wie Josephine durch die Teilnahme am Deutschen Motorik-Test dazu ermutigt werden, ihr Leben mit und durch Sport zu bereichern. Ganz gleich, ob erder Gesundheitsprävention dient, auf die Teilnahme an den Paralympics abzielt oder einfach nur zum Spaß getrieben wird. Sport trägt einen wichtigen Beitrag zur Sozialisation und zum Glücklichsein bei.

Jubiläum - BERLIN HAT TALENT wird 10 Jahre

Das Programm BERLIN HAT TALENT (BHT) wurde im Jahr 2011 als gemeinsame Initiative des Landessportbund Berlin (LSB) und des Berliner Senats gegründet, um Kinder sportlich zu fördern und zu fordern. Zunächst war das Programm darauf ausgerichtet, in den dritten Klassen mithilfe des Deutschen Motorik-Tests (DMT) Talente für die leistungssportliche Laufbahn zu entdecken. Die sportlichen Kinder wurden anschließend zu Talentiaden und Talentsichtungsgruppen (TSG) eingeladen. Dort konnten sie verschiedene Sportarten ausprobieren und für sich entdecken.

Der DMT wurde durch die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie zunächst an sportbetonten sowie weiteren freiwilligen Grundschulen in Berlin durchgeführt. Später fand die Testung in einzelnen Bezirken statt. Siehe dazu unten: Timeline

Sehr schnell wurde erkannt, dass man mithilfe der DMT-Ergebnisse weitere Maßnahmen für sportliche Aktivitäten ergreifen könnte und sollte. So wurden für Kinder mit motorischem Förderbedarf ab 2015 Bewegungsfördergruppen (BFG) aufgebaut. Diese fanden in Zusammenarbeit mit dem Sport-Gesundheitspark Berlin für die Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf (im Olympiapark) und Lichtenberg (im Sportforum Hohenschönhausen) statt. Noch in diesem Jahr entschied man zusammen mit der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, die BFG direkt an den Schulen als Sport-AG durchzuführen. Durch dieses niedrigschwellige Angebot konnten weitere Kinder für die Bewegung/den Sport begeistert werden.

Um auch Bewegungsangebote für motorisch „unauffällige“ Kinder zu gewährleisten, wurde 2019 die AOK-Gutscheinaktion des LSB ins Leben gerufen. Diese Gutscheine berechtigen alle DMT-Teilnehmer/-innen zur Durchführung eines dreimonatigen kostenlosen Probetrainings im Sportverein. In diesem Zusammenhang wurde auch die Zusammenarbeit mit den Berliner Vereinen intensiviert: Sie können BHT-Partnerverein werden und ihre Sportangebote für die spezielle Altersklasse anbieten. Einige entwickeln diese weiter oder bauen neue auf, um Mitglieder zu gewinnen.

Die Anzahl der zu testenden Bezirke wurde von Schuljahr zu Schuljahr gesteigert, bis das Ziel einer jährlichen flächendeckenden Testung im Schuljahr 2020/2021 realisiert wurde. Zudem wurde das Programm in diesem Schuljahr um die Inklusionskomponente erweitert. BERLIN HAT TALENT soll dazu beitragen, die Wahrnehmung für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu schärfen, Barrieren abzubauen und auch Kinder mit Behinderung für ein lebenslanges Sporttreiben zu begeistern.

Das Programm verfolgt folgende Ziele:

  1. Qualitätssicherung des Schulsports
  2. Talentsichtung
  3. Bewegungsförderung bzw. gesundheitliche Prävention
  4. Stärkung des Vereinssports in Berlin.

Im Jubiläumsjahr blickt das Team von BERLIN HAT TALENT stolz auf das bisher Geleistete zurück und freut sich auf die kommenden Jahre und neuen Herausforderungen. Danke an alle Partner, Sponsoren und Helfer/-innen für das Vertrauen und die Unterstützung. Zusammen mit Ihnen/Euch werden wir die Mission, Kinder für den Sport und die Bewegung zu begeistern, weiterverfolgen.

 

Timeline:

Erweiterung des Programms BERLIN HAT TALENT über die Jahre

2010/2011          
Sportbetonte Grundschulen und freiwillige Grundschulen

2011/2012          
Reinickendorf, Marzahn-Hellersdorf

2012/2013          
Neukölln, Mitte

2013/2014          
Lichtenberg, Charlottenburg-Wilmersdorf, Treptow-Köpenick

2014/2015          
Lichtenberg, Charlottenburg-Wilmersdorf, Treptow-Köpenick, Steglitz-Zehlendorf, Spandau

2015/2016          
Lichtenberg, Charlottenburg-Wilmersdorf, Treptow-Köpenick, Pankow, Tempelhof-Schöneberg, sportbetonte Grundschulen

2016/2017          
Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf, Neukölln, Mitte, Spandau

2017/2018          
Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf, Neukölln, Spandau, Marzahn-Hellersdorf

2018/2019          
Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf, Spandau, Marzahn-Hellersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Reinickendorf

2019/2020          
Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Charlottenburg-Wilmersdorf, Spandau, Marzahn-Hellersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Reinickendorf, Neukölln

Seit 2020/2021 alle Berliner Bezirke (flächendeckend in ganz Berlin)

 

© Jürgen Engler / LSB Berlin

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